Login für Mitglieder des Wilden Reiters:



Passwort vergessen?





Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 145 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1 ... 10, 11, 12, 13, 14, 15  Nächste
Autor Nachricht
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: So 29. Nov 2015, 00:48
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Der Neujahrsmorgen empfing Glenda dunkel und grau. Müde vom langen Silvesterabend kehrte sie nach einem kurzen Blick nach draußen in ihre warme Koje zurück um noch ein wenig zu schlafen. Erst gegen Mittag fühlte sie sich wirklich wach und stand endgültig auf. Noch immer war der Himmel mit tiefhängenden grauen Wolken bedeckt die schnell über die dahinzogen, wahrscheinlich würde es bald anfangen zu schneien. Eigentlich hatte sie geplant am Nachmittag segeln zu gehen, aber der Blick zum Himmel nahm ihr die Lust dazu. Sie würde vor der ersten Regatta noch genügend Zeit zum trainieren haben und sie hatte wenig Lust in einen Schneesturm zu geraten. Stattdessen zog sie sich ihren warmen Mantel über und machte sich auf den Weg zu Frank.
Frank war schon länger wach und als er ihr die Tür öffnete schlug ihr der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee entgegen. Schnell stampfte sie sich den Schnee von den Schuhen und trat in den kleinen Flur. „Ein bisschen spät für Frühstück.“ Grinsend sah Frank auf die Uhr. „Das kenne ich von dir so gar nicht.“ Er ging voraus und stellte ein zweites Gedeck auf den Küchentisch. Gemeinsam verzehrten sie den süßen Toast den Frank noch am Vortag besorgt hatte. Irgendwann merkte Glenda, dass es dunkler wurde, obwohl es erst kurz nach Mittag war. Hinter der großen Glasfront im Wohnzimmer tanzten tausende von großen Schneeflocken, sie fielen so dicht, dass sie beinahe den tiefgrauen Himmel verdeckten. Frank erhob sich, ging zur Anrichte und kramte zwei Kerzen aus einer Schublade. Das sanfte Licht der Flammen machte die dauerhafte Dämmerung dieses Tages gemütlich und Glenda genoss es, einfach dazusitzen und zu reden. Irgendwann verließen sie die Küche und kuschelten sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Eng aneinander gelehnt, die Beine unter einer weichen Decke, verfolgten sie das Neujahrskonzert im Fernsehen.
So verging der Tag in ruhiger Gemütlichkeit, die beide sehr zu schätzen wussten, denn der nächste Tag versprach eher das Gegenteil. Aus Erfahrung wusste Frank, dass der erste Arbeitstag im neuen Jahr gern Überraschungen bereithielt

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Do 3. Dez 2015, 17:59
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Gleichförmig vergingen die Tage und Glenda begann allmählich sich wie ein Vogel in einem vergoldeten Käfig zu fühlen. Eine Weile ertrug sie das Gefühl ohne sich zu beklagen, doch irgendwann hielt sie es einfach nicht mehr aus. Sie nahm sich eine Woche Urlaub und verließ Vancouver noch am Abend ihres letzten Arbeitstages. Nicht einmal Frank und Kimberley wussten, wohin sie wollte und sie genoss es, einfach aufs Geratewohl hinaus zu fahren. „Auf zum Horizont mein Mädchen“, flüsterte sie. Die Nacht verbrachte sie in Bellingham, noch nicht weit von Vancouver entfernt. Obwohl der Hafen geschützt lag, merkte sie schon in der Nacht, dass der Wind deutlich stärker wurde. Noch vor dem Frühstück am nächsten Morgen ging sie schnellen Schrittes zum Hafenbüro hinüber um sich den Wetterbericht geben zu lassen. Der Wind riss an ihren Haaren und an ihrer Kleidung während sie über die Stege ging. Die Bucht hinter Lummi Island hatte eine tiefgraue Farbe angenommen und auf den Wellen tanzen Schaumkronen. Besorgt sah Glenda zum Himmel, weiter draußen würde es nicht besser sein, eher schlimmer. „Sie wollen wirklich bei dem Wetter rausfahren?“ Der Hafenmeister schüttelte besorgt den Kopf während er sich bückte um einige verstreute Papiere aufzuheben, die der Windstoß, der mit Glenda durch die Tür gekommen war, herunter geworfen hatte. „Es soll heute im Laufe des Tages noch schlechter werden. Und sie sind allein, ich weiß nicht.“ „Darf ich sehen?“ Sie beugte sich über die Mappe mit den Wetterberichten. „Bis Anacortes schaffe ich es heute problemlos, gegen die Wellen läuft mein Mädchen sehr gut. Ich danke ihnen.“ Sie richtete sich auf und bemerkte dabei den zweifelnden Blick des Mannes. „Ich bin viele Jahre zur See gefahren, glauben sie mir, ich weiß was ich tue.“ Damit verabschiedete sie sich und verließ das Büro. Beim Ablegen erhaschte sie eine Blick auf eine dunkle Gestalt am Bürofenster, fast hatte sie das Gefühl, den sorgenvollen Blick des Mannes zu spüren. Kaum hatte sie die Mole hinter sich gelassen, ließ sie ihre Syra mit voller Kraft gegen die Wellen laufen. Ein klein wenig hatte sie die Hoffnung, dass der Hafenmeister noch immer am Fenster stand, vielleicht würde er sich weniger Sorgen machen, wenn er sah, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Dass sie sich gerade auf die stürmische Fahrt freute, hätte er sich wohl kaum vorstellen können. Um sie herum verschwamm die Welt zu einer grauen Masse aus Wasser, Himmel und den nahezu schwarzen Schemen der Inseln. Sie legte ihren Kurs so, dass sie den ganzen Weg gegen die Wellen fahren konnte und nicht gezwungen war, ihnen die Breitseite zuzukehren oder zu kreuzen. Im Schutz von Guemes Island drosselte sie das Tempo. Hier war das Wasser ruhiger und die Wellen trugen keine Schaumkronen. Glenda nutzte die Gelegenheit und erübrigte eine Hand um etwas zu essen.
Erst am frühen Abend erreichte sie Anacortes. Eigentlich hatte sie noch einen kleinen Spaziergang durch die Stadt machen wollen, doch schon beim Festmachen begann es zu regnen. Zusammen mit dem kalten Wind stachen die Tropfen wie Nadeln auf der Haut und so entschied sie, bis auf den kleinen Abstecher zum Büro um sich anzumelden, an Bord zu bleiben.

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Mo 4. Jan 2016, 12:27
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Neuer Teil

Am nächsten Morgen ließ sie sich viel Zeit, in aller Ruhe machte sie einen Rundgang durch die Stadt und genoss die kalte Morgenluft. Die schweren Wolken waren über Nacht abgezogen und hatten einer leichten grauen Decke Platz gemacht, in der sogar hin und wieder Lücken blieben, durch die sich die ersten Sonnen strahlen ihre Bahn brachen. In einer Seitenstraße stieß sie auf ein kleines Lokal, als sie an der Tür vorbeiging, stieg ihr der einladende Duft von Pancakes und Ahornsirup in die Nase. Ohne lange zu überlegen, änderte sie die Richtung und betrat den kleinen Gastraum. Die Art, mit der sich viele der Gäste zu ihr umwandten, verriet Glenda, dass die meisten wohl Einheimische waren. Freundlich nickte sie in die Runde und ließ sich dann an einem Tisch am Fenster nieder. Kurz darauf stand ein Teller mit verführerisch duftenden Pancakes vor ihr. Eine füllige Frau, mit mädchenhaftem Gesicht, deren Alter sich unmöglich schätzen ließ, stellte eine Schale mit Ahornsirup auf den Tisch und setzte sich dann auf den Platz gegenüber. „Du kommst nicht von hier.“, stellte sie fest. „Zumindest habe ich dich noch nie hier gesehen.“ Aufmerksam sah sie Glenda an. „Das stimmt, eigentlich lebe ich in Vancouver.“ Genüsslich schob sich Glenda einen Bissen in den Mund. „Ihre Pancakes sind wirklich wunderbar.“ murmelte sie zwischen zwei Bissen. „Danke. Verzeih meine Neugier, aber im Winter kommen nicht viele Besucher hierher.“ Die Frau zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt bin ich nur auf der Durchreise, mein Schiff liegt unten im Hafen.“ Das erstaunte Gesicht der Frau entlockte Glenda ein Lächeln. Sie blieben noch eine Weile gemeinsam am Tisch sitzen und plauderten, sodass Glenda das kleine Restaurant wesentlich später verließ, als sie eigentlich vorgehabt hatte.

„He! Hallo, sind sie da?“ Zum wiederholten Male rief Roy nach der Frau, die am gestrigen Abend angekommen war, doch auch diesmal rührte sich nichts. Sie schien nicht an Bord zu sein. Er hatte eigentlich vorgehabt, ihr den Wetterbericht zu bringen, bevor er sich auf den Weg zu seinen Netzen machte, die er als Nebenerwerb ausbrachte, doch sie blieb wohl doch länger weg. Bevor er ging, musterte er das Boot der Frau noch einmal genauer, er konnte noch immer kaum glauben, dass sie allein gekommen war. „Suchen sie etwa mich?“ Erschrocken fuhr er auf dem Absatz herum, er hatte sie nicht kommen hören. Roy brauchte einen Moment ehe er sich von seinem Schreck erholt hatte. „Sie sind bestimmt nicht gekommen, um mir Löcher in mein Schiff zu starren.“ Ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Nein nein, ganz bestimmt nicht, ich wollte ihnen den Wetterbericht bringen.“ Er reichte ihr die beiden Seiten. „Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass sie allein unterwegs sind.“ „Naja, ganz allein nicht, sonst müsste ich ja selber schwimmen.“ Sie schob die Papiere in ihre Jackentasche und sprang mit einem eleganten Satz an Bord. „Vielen Dank, vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“ Roy sah ihr noch eine ganze Weile nach, bevor er sich kopfschüttelnd auf den Weg zu seinem Boot machte. Aus manchen Menschen wurde er einfach nicht schlau und sie gehörte ganz sicher dazu.

Gegen Mittag warf Glenda in einer ruhigen Bucht den Anker. Bis auf einige Möwen war sie völlig allein. Sie nahm sich die Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen und setzte sich danach über ihre Karten um ihre Route für die nächsten Tage zu planen. Einfach aufs Geratewohl weiter zu fahren war ihr ab jetzt zu unsicher, denn auch wenn ihr der Gedanke nicht wirklich gefiel, sie musste an den Rückweg denken. Immerhin schien ihr das Wetter ab jetzt wohlgesonnen zu sein. Die nächste Nacht würde fast windstill werden und so entschied sie, sich vor Lopez Island eine Bucht zu suchen und dort die Nacht vor Anker zu bleiben.
Die Buchten um Lopez Island waren fast alle leer, als sie dort eintraf. Im Sommer würden hier weit mehr Boote ankern und es wäre schwierig noch einen Platz ganz für sich allein zu finden, doch zu dieser Zeit war alles ruhig und leer. Glenda ließ sich Zeit, bis sie sich für einen Platz entschied, eingerahmt von felsigem Strand, hinter dem direkt der Wald begann. Die Hänge zu beiden Seiten waren recht hoch, sodass sie hier auch dann gut geschützt war, wenn der Wind in der Nacht doch auffrischen würde. Trotz der Kälte blieb sie eine Weile an Deck sitzen und genoss die Natur um sich herum. Hier war nichts außer dem Geschrei der Seevögel, dem leichten Rauschen der Baumkronen am Ufer und dem sanften Plätschern des Wassers am Rumpf.

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Mi 20. Jan 2016, 11:42
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Mal wieder ein neues Stückchen.

Der Abend begann mit einem tiefroten Himmel, vor dem sich die schmalen Wolkenstreifen in geisterhaft violetten Farben abhoben. Glenda genoss das Schauspiel, bis nur noch ein schmaler rötlicher Streifen am Horizont vom vergangenen Tag kündete.
Mitten in der Nacht wurde Glenda vom Heulen des Windes gänzlich wach. Schon seit Stunden hatte sie nur noch leicht geschlafen und dabei gemerkt, wie der Wind stetig zugenommen hatte, viel mehr, als vorhergesagt. Leise vor sich hin fluchend stand sie auf und zog sich an. Der Wind riss an ihren Haaren, sobald sie ihren Kopf aus der Tür streckte. Der Himmel, der am Abend noch fast wolkenlos und voller Sterne gewesen war, zeigte sich nun pechschwarz, nur hin und wieder schimmerten einige Wolkenfetzen auf, die schnell dahintrieben. Ein Blick auf die Wellen, die in die Bucht liefen, genügte Glenda, um zu wissen, dass sie hier nicht bleiben konnte. Der Wind hatte gedreht, was wohl für die plötzliche Wetteränderung verantwortlich war und trieb die See genau in den Eingang der Bucht. Schon jetzt riss die Syra bei jeder Welle an ihrer Ankerkette, und wahrscheinlich würde es im Laufe der Nacht eher noch schlimmer werden. Sie beeilte sich, die Maschine zu starten und den Anker zu lichten und bald umfing sie die schwarze Finsternis der See. Nur vereinzelt blitzten die Lichter der Küste durch die Dunkelheit und die weißen Schaumkronen der Wellen leuchteten in der Nähe ihrer Barkasse kurz auf und strichen an ihr vorbei in die Dunkelheit hinter ihr. Sie wusste, dass es hinter Decatur Head einen kleinen aber gut geschützten Hafen gab, in dem sie den Rest der Nacht verbringen konnte, wenn sie es schaffte, noch vor dem Morgengrauen dort zu sein.
Als sie an dem kleinen Anleger hinter der Halbinsel festmachte war es wirklich schon fast morgen, aber für ein paar Stunden Schlaf würde es noch reichen. Zu ihrer Überraschung erwachte sie erst am Mittag vom hellen Licht der Sonne, das durch das schmale Fenster über ihr fiel. Da es ohnehin schon spät am Tag war, ließ sie sich mit dem Aufstehen und Essen Zeit. Auch wenn der Himmel jetzt fast wolkenlos war, der Wind hatte kaum nachgelassen. Hier in der Bucht war das Wasser ruhig, doch sie konnte deutlich die weiße Gischt der Wellen weiter draußen erkennen.
Nach drei weiteren stürmischen Tagen traf Glenda wieder in Vancouver ein und wäre trotz des schlechten Wetters am liebsten gleich wieder losgefahren.
Sie war noch nicht lange im Hafen als sie Franks schlanke Gestalt herankommen sah. Er hatte die Schultern gegen Kälte und Regen hochgezogen und seine Schritte waren eilig. „Endlich bist du wieder da,“ begrüßte er sie. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“ Er wirkte erleichtert, trotzdem merkte sie, dass er sie und ihr Boot aufmerksam musterte. „ Es ist alles noch dran. Das bisschen Wind stört mich nicht, das solltest du doch wissen.“ Glenda legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Und jetzt komm rein. Hier draußen ist es nicht gerade gemütlich.“ Ohne, dass Frank darum gebeten hätte, setzte sie Teewasser auf und stellte einen Teller mit Keksen auf den Tisch. „Du hättest dich aber ruhig mal melden können!“ Der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Ich weiß ja, dass du weißt was du tust aber trotzdem, ich habe mir Sorgen gemacht.“ „Du hast ja Recht.“ Glenda stellte eine Tasse mit dampfendem Tee vor ihm ab. „Das nächste Mal denk ich dran, versprochen.“ Sie rutschte auf der Bank näher an ihn heran und er legte einen Arm um sie. „Es ist schön, dass du wieder da bist.“

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Mo 25. Jan 2016, 15:54
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Bald begann die Zeit, in der sich die Liegeplätze um sie herum wieder füllten. Die ersten warmen Tage lockten und auch wenn sie es sich nicht ganz eingestehen mochte, fand es Glenda doch angenehm, dass wieder Leben im Hafen um sie herum herrschte. Einige Wochen lang verbrachte sie ihre Nachmittage bei Duncan auf der Werft, wo sie in aller Ruhe die kleinen Schäden ausbesserte, die der Winter an ihrer Barkasse hinterlassen hatte. Immer öfter nutzte sie das letzte Tageslicht, um noch ein oder zwei Stunden zu segeln. Das erste Rennen rückte jetzt unbarmherzig immer näher und auch wenn sie sich mittlerweile sicher war, die Obsidian nahezu perfekt zu beherrschen, war sie sich nicht sicher, ob sie Duncans Erwartungen würde erfüllen können. Sie wusste, dass er ihr niemals Vorwürfe machen würde, wenn sie die Qualifikation nicht schaffte, aber sie wollte ihren alten Freund nur ungern enttäuschen.
Ende März, viel später als sie es eigentlich vorgehabt hatte, verabschiedete sich Kimberley und Glenda blieb auch dann noch lange am Kai stehen, als die alte Rayaan schon längst hinter dem Horizont verschwunden war. Sie würde ihre Freundin vermissen, zu sehr hatte sie sich in den letzten Monaten daran gewöhnt, sie häufig zu sehen.
Mit ruhigen Schritten machte sie sich auf den Rückweg zum Hafen, dabei nahm sie einen Umweg durch den Park und genoss die Wärme der Frühlingssonne. Die Wiesen begannen sich langsam in ein helles Grün zu kleiden und überall zeigten sich die zarten Spitzen der Frühblüher. Einen Moment blieb sie stehen und lehnte sich an den Stamm einer riesigen Buche. Ihre Zweige waren noch kahl, dafür sah sie hunderte kleiner Vögel in der Krone über sich. Mit geschlossenen Augen lauschte sie ihrem Gesang, der sich mit dem leisen Rauschen des Windes und den fernen Geräuschen der Stadt mischte.
Schon von Weitem sah sie zwei Männer auf dem Steg neben ihrer Barkasse stehen, neugierig verhielt sie ihren Schritt und beobachtete sie einen Moment. Ihren Bewegungen nach zu urteilen, schienen sie in eine heftige Diskussion vertieft zu sein. Möglichst gelassen schritt sie ihnen entgegen. Erstaunt verhielt sie ihren Schritt wieder, als sie erkannte, dass es sich bei einem der beiden eindeutig um Frank handelte. Er schien sehr aufgebracht zu sein, denn seine Bewegungen wirkten fahrig. Möglichst unauffällig bog sie auf einen anderen Steg ab um ungesehen in Hörweite zu gelangen. „Herrgott, es muss ihrer Freundin doch klar sein, dass dieser Seelenverkäufer hier nicht liegenbleiben kann!“ Der Zweite Mann war deutlich kleiner als Frank, seine Haare waren stahlgrau und er wirkte ernsthaft wütend. „Meinetwegen kann sie ja hinten bei der Slipanalge liegen, zwischen den alten Kähnen da hinten würde sie ja nicht weiter stören, aber hier.“ Der Mann schimpfte in unentwegt weiter. Glenda konnte Franks Gesicht nicht sehen, erkannte aber an seiner Haltung die wachsende Anspannung. „Niemand kann von mir erwarten, dass ich es akzeptiere, wenn meine Jacht neben so einem abgetakelten Kahn liegen muss!“ Glenda war mittlerweile klar, welches Schiff er damit meinte und es gelang ihr nur schwer, ihre aufsteigende Wut zu zügeln. Möglichst ruhig ging sie jetzt zu den Männern hinüber. Frank sah auf den ersten Blick, wie es in ihr aussah und sein Gesicht wurde kreidebleich. „Ich hoffe sie haben den Schneid ihre Beleidigungen auch dann vorzubringen, wenn der Eigner des besagten Schiffes anwesend ist.“ Sie klang erstaunlich ruhig und gelassen, aber Frank erkannte die schneidende Kälte in ihrer Stimme. „Ich zahle hier meine Liegegebühren genauso wie sie und wenn ihnen mein Gesicht nicht passt, dann sollten sie vielleicht ins Büro gehen und um einen anderen Platz bitten. Ich bin sicher, das wird kein Problem sein.“ Mit diesen Worten wollte sich Glenda an ihm vorbeischieben, doch er hielt sie am Arm fest. „Das werde ich ganz sicher tun, aber sie werden diejenige sein die gehen wird. Sie leben hier ja wie ein Vagabund auf diesem Kahn und sowas gehört nicht hierher.“ Langsam wandte sich Glenda noch einmal zu ihm um, das Gesicht weiß vor Wut. Frank wich vorsichtshalber einen Schritt zurück, unsicher, was als nächstes passieren würde. In Gedanken sah er Glendas Gegenüber schon einen Meter tiefer im Wasser landen oder sich zumindest die Wange halten. Doch nichts davon geschah, mit einer Stimme, die ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte erwiederte Glenda nur: „Über mich können sie sagen was sie wollen, das interessiert mich nicht, aber reden sie nie wieder so über mein Schiff, sie kann nichts für ihr Alter und jetzt werde ich besser gehen, bevor ich mich vergesse. Guten Tag.“ Ohne ein weiteres Wort stürmte sie an ihm vorbei. So schnell sie konnte machte sie die Leinen los, weg nur weg, bevor sie sich von ihrer Wut zu Taten hinreißen ließ, die sie später bereuen würde. „Jetzt benimm dich aber Kleine.“ In Gedanken sandte Glenda ein Stoßgebet zum Himmel. „ Es wäre doch mehr als peinlich und nur Wasser auf die Mühlen von diesem unangenehmen Menschen, wenn ich jetzt wieder erst drei Versuche brauche bis sie läuft.“ Als wüsste die Syra, dass ihre Ehre auf dem Spiel stand, ließ sich die Maschine problemlos starten und Glenda beeilte sich, den Hafen zu verlassen. Sie sah, wie der kleine Mann zu seiner Jacht ging. Sie musste zugeben, dass er wirklich ein beeindruckendes Schiff hatte, einen Segler, lang und schmal, wie gemacht um damit Regatten zu gewinnen.
Frank blieb einen Moment unschlüssig auf dem Steg stehen. Warum hatte Glenda auch gerade in diesem Moment zurückkommen müssen. Hancock war schon immer ein unangenehmer Bursche gewesen, der ständig unzufrieden war und immer einen Grund für Beschwerden fand. Leider fand er nur all zu oft Gehör, denn er hatte Geld und damit auch Einfluss. In der Annahme, dass Glenda jetzt bestimmt moralischen Beistand gebrauchen könnte, schwang er sich an Bord seiner Leda und verließ ebenfalls den Hafen.

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Sa 30. Jan 2016, 21:34

Wow :) - habe die Geschichte gerade (fast) ganz gelesen, in letzter Zeit gab es nur ganz wenige bei denen ich so "hängen"geblieben bin... Schreibstil und Inhalt gefallen mir gut (wenn ich Zeit habe kommt demnächst evtl. noch ein ausführlicherer Kommentar zu einzelnen Stellen) - bin gespannt wies weiter geht und freue mich auf weiteres "Lesefutter" ;) - LG Phea


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: So 31. Jan 2016, 13:59
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Danke Phea. Ein bisschen neues Lesefutter hätte ich zu bieten :)

Schnell musste Frank feststellen, dass er keine Ahnung hatte, in welche Richtung Glenda verschwunden war. Er hatte gehofft, sie noch irgendwo zu sehen, da er nicht lange nach ihr losgefahren war, doch weit und breit war nichts zu sehen. Er überlegte fieberhaft, ob ihm ein Ort einfiel, an dem sie vielleicht sein könnte. Der einzige Platz der ihm in den Sinn kam war eine kleine Bucht im südlichen Teil von Passage Island, die sie hin und wieder aufsuchte, vielleicht wäre sie ja auch diesmal dort.
Er fand sie tatsächlich dort, schon von Weitem erkannte er die Silhouette der Syra und Glendas schlanke Gestalt an Deck. Sie schien ihn ebenfalls bemerkt zu haben, denn sie winkte zu ihm herüber, er betrachtete das als Einladung und brachte seine Leda längsseits. „Du kommst freiwillig in die Höhle des Löwen?“ Bereitwillig nahm Glenda die Leine von ihm entgegen. „Ich dachte du freust dich über ein wenig Gesellschaft.“ Mit einem großen Schritt kam Frank zu ihr an Deck. „Solange du diesen unangenehmen Kerl nicht mitgebracht hast.“ „Wohl kaum, abgesehen davon wäre es bestimmt auch unter seiner Würde auf meinem Boot mitzufahren.“ Frank konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Der Mann ist schon immer so, er hat eine Menge Geld und ist der Meinung das gäbe ihm das Recht allen anderen auf die Füße zu treten. Die Jacht hat er sich extra für den Cup gekauft und ich möchte lieber nicht wissen, wie viel er dafür ausgegeben hat. Da können wir nicht mithalten.“ Nun wieder entspannt ließ er sich an hinten fallen und schaute in den nahezu wolkenlosen Himmel. „Er fährt beim Cup mit, dann...“ Im letzten Moment fiel Glenda ein, dass sie Frank ja nichts von ihrer eigenen Teilnahme sagen wollte. „Dann… musst du ihm beim Cup für mich davonfahren.“ Beeilte sie sich zu sagen, bevor er ihre Zögern bemerkte. „Du hast Ideen.“ Frank stütze sich auf die Ellenbogen um sie ansehen zu können. „Du hast sie doch gesehen, die ist ein richtiges Rennpferd, da habe ich keine Chance, von der sehe ich höchstens das Heck.“ Seufzend ließ er sich wieder zurückfallen. Dabei wunderte er sich, dass er bei Glenda trotz seiner Worte so etwas wie grimmige Zufriedenheit wahrnahm.“Du könntest ja mit mir zusammen starten, ich hätte nichts gegen zwei fähige Hände mehr an Deck einzuwenden.“ Sein Angebot überraschte Glenda, denn er wusste zwar, dass sie Segeln konnte, hatte sie dabei aber nie gesehen. „Ich wäre dir keine Hilfe, wir haben nie zusammen trainiert, ich wäre dir mehr im Wege als von Nutzen. Danke für dein Angebot, aber ich werde da sein und dich anfeuern.“
Erst spät am Abend kehrte sie in den Hafen zurück. Von Dan Hancock war nichts mehr zu sehen. „Der ist bestimmt schon wieder in seiner Luxusvilla. Mach dir nichts draus, der ist es nicht wert, dass du dich über ihn ärgerst. Bis morgen.“ Damit verschwand er in der Dunkelheit und Glenda blieb allein im Hafen zurück.

Von diesem Tag an trainierte Glenda wie eine Besessene für ihr erstes Rennen, sie wollte Hancock unbedingt schlagen. War sie vorher noch nervös und froh gewesen, dass sie noch einige Wochen bis dahin hatte, so konnte sie es nun kaum erwarten.
Endlich war der Tag gekommen. Früh am Morgen stand sie auf und machte sich auf den Weg zu Duncan. Über dem Hafen lag noch der Morgennebel und es war noch lange Zeit bis zum Start, der erst am Nachmittag sein würde, aber der Alte hatte darauf bestanden, dass sie gleich am Morgen zum Jericho Beach fahren würden, wo es losgehen würde. Frank würde sich sicher erst später auf den Weg machen und sich wundern, dass sie bereits weg war. Duncan erwartete sie schon am Steg, nicht mehr als eine schemenhafte Gestalt im Nebel. „Heute Nachmittag soll es rau werden, ich hab gestern noch das schwere Tuch aufgezogen, damit heute nichts schief geht.“ Glenda nickte, dann mal los. „Ich fahre dir hinterher.“ Duncan hatte darauf bestanden, dass er seine Obsidian selbst zum Starthafen segeln wollte, dort würde er dann ihre Barkasse übernehmen um nicht vom Ufer aus zuschauen zu müssen.
Noch war es fast völlig still im Hafen von Jericho Beach, aber es dauerte nicht lange, bis mehr und mehr andere Boot eintrafen. Glenda saß zusammen mit Duncan an Deck der Syra und der Alte wusste zu jedem neu eintreffenden Boot etwas zu berichten. Sie hörte aufmerksam zu, je mehr sie über ihre Gegner wusste, desto besser. „Da kommt Drake.“ Duncan deutete auf eine schlanke Jacht mit dunklen Segeln. „Er und Hancock wechseln sich seit Jahren damit ab, den Cup zu gewinnen, letztes Jahr hat Drake das Rennen gemacht. Du wirst es gegen die beiden nicht leicht haben, sie haben die schnellsten Boote im Feld und sie wissen sie zu führen.“
Frank kam erst spät im Hafen an, Glenda entdeckte seine Leda, als sie gerade auf dem Weg zum Hafenlokal war in dem sich die Skipper zur Kursbesprechung trafen. Sie hielt sich bewusst im hinteren Teil des Raumes auf um Frank nicht in die Arme zu laufen. Duncan lehnte neben ihr an der Wand und hörte ebenfalls aufmerksam zu. „Sieh zu, dass du am Anfang Boden gut machst, nach der ersten Wende wirst du dafür erstmal keine Gelegenheit dazu mehr haben, direkt vor dem Wind sind die größeren Boote im Vorteil bei dem Starkwind heute. Aber du machst das schon.“ Aufmunternd klopfte er ihr auf die Schulter bevor sie den Raum verließen. Langsam wurden Glendas Hände doch feucht, jetzt gab es kein zurück mehr, in wenigen Minuten würde sie auf dem Wasser sein, mitten im Kampf um eine gute Startposition.
Auf dem Weg zur Obsidian erhaschte sie kurz einen Blick auf Frank, der mit schnellen Schritten dem Ende des Nachbarsteges zustrebte. Er sah sich immer wieder suchend um, wahrscheinlich versuchte er sie oder ihre Syra zu entdecken, doch das Gewirr von Menschen und Booten machte es nahezu unmöglich auf die Schnelle jemanden zu finden. „Na dann. Mast und Schotbruch!“ Duncan half ihr ganz selbstverständlich beim Ablegen, bevor er auf ihre Barkasse ging. „Und denk dran, du musst nicht gleich gewinnen, du musst nur in die Punkte!“ Die Hände zu einem Trichter geformt rief er ihr noch einmal etwas zu, aber sie verstand seine weiteren Worte nicht mehr. Das Großsegel knallte als sie den Windschutz des Hafens verließ, eiligst brachte sie den schlanken Segler auf Kurs. Die Startlinie wurde von zwei Booten markiert und davor herrschte noch immer ein wildes Durcheinander in dem jeder versuchte eine gute Position zu finden um direkt starten zu können. Glenda versuchte sich nach ganz außen zu schieben, sie erhoffte sich, auf dieser Linie am Anfang freie Bahn zu haben und sie behielt Recht. Die Flagge auf dem Startboot signalisierte, dass nur noch Sekunden bis zum Start blieben. Noch einmal atmete sie tief ein, spürte den Wind auf ihrer Haut, die Wellen unter sich und dann ging sie auf Kurs. Die Obsidian legte sich auf die Seite und schoss auf die Startlinie zu. Sie durfte die Linie nicht überqueren, bevor die Flagge nicht unten war, war sie zu schnell, müsste sie abdrehen und würde damit unvermeidbar hinter den anderen starten. „Komm schon.“ Ihre Fingerknöchel wurden weiß, so fest umklammerte sie die Pinne und dann war die Flagge unten, die Linie war frei. Jetzt gab es kein zurück mehr, auf ihrer rechten Seite war nur offenes Wasser links von ihr war das Feld noch dicht beisammen. Sie erkannte die Windhoever an der Spitze, dahinter zwei andere große Jachten. Von Franks Leda fehlte jede Spur, wahrscheinlich hatte er schon beim Start den Kürzeren gezogen. Sie sah zu, dass sie vor dem großen Feld blieb um nicht im dichten Gedränge Tempo einzubüßen und konzentrierte sich darauf, die drei vor ihr liegenden einzuholen. Sie merkte schnell, das die Bedingungen heute nicht auf ihrer Seite waren, der starke Wind, war ein Vorteil für die größeren Jachten, die mehr Segelfläche zu bieten hatte und mit ihrem Gewicht weniger anfällig für die Dünung waren. „Die Wende ist die Chance, wenn wir die Wellen zusätzlich nutzen...“ Ein blasses Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Dann los Mädchen, bis dahin müssen wir an ihnen dran sein.“ Sie war sich des Risikos voll bewusst, als sie ihr Schiff noch höher an den Wind brachte und war froh, dass Duncan am gestrigen Tag an das schwere Tuch gedacht hatte. Als die Boje in Sicht kam hatte sie sich an den Drittplatzierten herangekämpft. Ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit bemächtigte sich ihren Zügen, als sie erkannte, dass es Hancocks Jacht war. „Jetzt bist du dran,“ flüsterte sie. Die alte Wut machte sich in ihr breit und sie musste sie mit aller Macht niederkämpfen, denn sie spürte, dass sie den Kontakt zu ihrem Schiff verlor, je mehr sie sie zuließ. Mit einem einzigen wilden Schrei verlieh sie ihren Gefühlen Ausdruck und es wirkte, sie fühlte sich wieder ruhiger, fand zurück zu der Sicherheit, die sie brauchen würde. Mehr denn je war sie diesmal darauf angewiesen, zu spüren, zu fühlen, wann der richtige Zeitpunkt kam. Sie war im Begriff noch einmal das Selbe zu tun wie bei ihrem Übungsrennen, den weiteren Wendekreis der größeren Jacht zu nutzen um selbst innen vorbeizukommen. Doch diesmal war es keine Übung und ihr Gegner würde keine Rücksicht nehmen, wenn sie einen Fehler machte. Trotzdem würde sie es wagen. Im Moment der Wende erkannte sie kurz Hancocks erstaunte Miene, als sie innen an ihm vorbeischoss und sie glaube ungläubiges Erkennen darin zu sehen. Dann war es vorbei, Hancocks Julietta blieb hinter ihr zurück. Ein Moment der Unachtsamkeit ihres Gegners hatte genügt um ihr einen Vorteil zu verschaffen, jetzt musste sie diesen nur noch ins Ziel retten. Die beiden Führenden würde sie kaum mehr einholen können, der Abstand war einfach zu groß. Sie begnügte sich damit, ihren dritten Platz nach hause zu fahren, mehr war unter diesen Bedingungen einfach nicht möglich, auch wenn sie gern mehr gewollt hätte.
Anstatt nach dem Zieleinlauf direkt in den Hafen zu fahren, drehte sie hinter der Ziellinie eine weite Schleife um zu sehen, wann Frank durchs Ziel ging. Es dauerte einen Moment, ehe sie sein Boot ausmachte, er kam mit dem zweiten Teil des Feldes an, einige Platzierungen weit außerhalb der Punkte, aber das hatte er ja bereits so erwartet. Erst als die meisten anderen Boote den Hafen ansteuerten, folgte sie ihnen und versuchte, sich dabei in Rufweite von Frank zu manövrieren. „Hey! Dafür dass sie kein Rennpferd ist war das doch bestens!“ Fröhlich winkend zog sie an ihm vorbei und wandte sich einen Moment um sein verblüfftes Gesicht zu sehen. „Wir sehen uns im Hafen.“ Damit war sie vorbei.
Frank schüttelte ungläubig den Kopf, war das gerade wirklich Glenda gewesen und wie kam sie zu diesem Boot? Sie würde ihm einiges erklären müssen. Eilig machte er seine Leda fest, jetzt, wo er wusste, dass Glenda wohl auf dem Treppchen stehen würde, wollte er die Siegerehrung auf keinen Fall verpassen. Sie war gerade zusammen mit Duncan auf dem Weg zum Gebäude des Jachtclubs, als Frank sie einholte. „Sag mal warum hast du mir nichts davon gesagt? Ich wäre doch auch bei dir mitgefahren und hätte dir geholfen.“ Noch keuchend nach seinem Sprint ging er neben ihr her. „Genau deshalb, weil ich nicht wollte, dass du meinetwegen verzichtest. Aber jetzt weißt du es ja und um deine nächste Frage zu beantworten, die Obsidian gehört Duncan, er hat sie selbst gebaut.“ Franks Unterkiefer klappte herunter. „Und wie kommst du dann dazu...“ Weiter kam er nicht, denn sie hatten das Gebäude erreicht und Glenda wurde von einem Mann in Anzug nach vorne gebeten.
Mit Duncans gut aussehendem Freund Robert neben sich rauschte die Zeremonie über sie hinweg, ohne, dass sie sie wirklich wahrnahm. Sie konnte noch immer kaum glauben, dass sie jetzt hier stand. Als Ben Drake nach vorn kam um sich zum Sieg beglückwünschen zu lassen, beugte sich Robert zu ihr. „Er will dieses Jahr unbedingt gewinnen, er und Hancock sehen diesen Cup als eine Art private Fehde um den Sieg.“ Nun musterte Glenda Drake doch etwas genauer, er wirkte nicht unfreundlich, aber seine Züge verrieten, dass er ein Mann war, der zu allem entschlossen war. „Du hast ihm heute einen Dienst erwiesen, indem du Hancock auf die Plätze verwiesen hast. Und jetzt komm, lass uns feiern, ich lade dich und Duncan ein.“ Damit ergriff Robert ihre Hand. Erschrocken zog Glenda sich zurück. Robert verstand schnell und bot ihr stattdessen den Arm. Gemeinsam gingen sie hinüber zu einem der Tische, an dem Duncan und Frank schon Platz genommen hatten.

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: So 14. Feb 2016, 13:24
Offline

Profil
Oh :D , gefällt mir gut :) (bin vom Handy aus on, deshalb so kurz) LG Phea


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Di 3. Mai 2016, 21:33
Benutzeravatar
Offline

Profil
WR: Lady Amazia(ID: 216789)
Nach langer langer Zeit ein neuer Teil.

Beim Essen erzählte Glenda ihrem Freund die ganze Geschichte von Anfang an. „Und du hattest damals schon vor mir mit dem Mast zu helfen? Obwohl du mich noch gar nicht richtig kanntest.“ Ungläubig sah Frank sie an. „Ich musste es ganz einfach, du sahst so unglücklich aus, als du so lange erfolglos geblieben bist. Und ich weiß sehr gut, wie wenig einem die Freiheit nützt, wenn der Horizont unerreichbar ist.“ Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „So viele Tage habe ich am Strand gesessen und genau das gefühlt, gefangen in einem goldenen Käfig, obwohl alle Türen offen stehen.“

Schon am nächsten Tag hatte der Arbeitsalltag Glenda wieder eingeholt, nach wie vor trainierte sie fast jeden Nachmittag, mal mit, mal ohne Duncan. Vor allem aber beschäftigte sie sich damit, ihre besonderen Fähigkeiten zu verfeinern. Bis zu dem Tag, an dem der Alte ihr die wahre Macht ihrer Gabe verraten hatte, war es für sie ganz normal gewesen, dass sie irgendwo in sich etwas spürte, doch sie hatte es selten bewusst genutzt. Jetzt begann sie mehr und mehr, ihre Wahrnehmung zu verfeinern, auch dann offen für ihre Verbindung zu ihrem Schiff zu bleiben, wenn sie eigentlich gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Duncan unterstützte sie in ihrem Tun und schon bald war ihr klar, dass auch er ihre Fähigkeit besaß, er wusste einfach zu gut darüber Bescheid. Eines Tages konnte sie die Frage einfach nicht mehr zurückhalten. „Du kannst es auch oder? Du spürst ihre Seelen und der alte Larry konnte es auch.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an. „Ja es stimmt, ich habe die Gabe genau wie du und viele andere, aber nur die wenigsten sind bereit sich zu öffnen und diese Verbindung zuzulassen.“ Duncan ließ sich neben ihr auf den von der Sonne erwärmten Bohlen des Steges nieder. „Aber warum, es würde den meisten doch helfen, außerdem ist es schön, nicht allein zu sein?“ Versonnen ließ Glenda ihren Blick über die glitzernden Wellen gleiten. „Sie wissen es nicht und sie glauben nicht mehr daran, in der rationalen Welt gibt es keinen Platz mehr für solche Legenden, selbst wenn sie wahr sind. Auch du erzählst es schließlich nicht jedem, wer würde dir auch glauben.“ Seufzend legte ihr der Alte eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht ist es auch gut so, die heutige Welt würde sonst doch nur einen Weg finden, sie zu missbrauchen.“ „Wahrscheinlich.“ In Gedanken versunken zupfte Glenda an einer Faser morschem Holzes. „Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass mir meine Gabe nicht nützlich war.“ Duncans Stimme hatte einen amüsierten Unterton angenommen. „Es ist leicht, Probleme zu finden, an denen andere sich die Zähne ausgebissen haben, wenn man einfach danach fragen kann.“ Ein leises Lachen folgte. „Jetzt muss ich aber los, Frank wartet auf mich.“ Mit einem Satz erhob sich Glenda. „Wir sehen uns die Woche ja noch.“

Im roten Licht der untergehenden Sonne kam sie bei Franks Haus an. Mittlerweile hatte Frank ihr einen Schlüssel gegeben, sodass sie nicht klingeln musste. „Falls du einmal das Bedürfnis hast, in die Badewanne zu steigen wenn ich nicht da bin.“ Das war sein Kommentar gewesen, mit dem er ihr einfach den Schlüssel in die Hand gedrückt hatte. Im kleinen Flur war es dunkel, nur ein schmaler Lichtstreif schimmerte unter der geschlossenen Zwischentür. Schnell entledigte sich Glenda ihrer Schuhe und betrat mit einem fröhlichen „Hallo.“ das Wohnzimmer. Frank tauchte hinter einer der Säulen auf, hinter denen die Küche lag und kam ihr entgegen. „Schön, dass du da bist.“ Sanft umarmte er sie. „Abendessen ist auch gleich fertig, auch wenn es nichts besonderes ist, ein Gourmetkoch wird aus mir nie werden.“
Kurz darauf saßen sie gemeinsam am Tisch. „So, was wolltest du nun so wichtiges mit mir besprechen?“ Glenda nahm einen Schluck aus ihrem Glas und lehnte sich zurück. „Du erinnerst dich doch an unser Gespräch an Weihnachten, meine Nichte hat gefragt, wann du Zeit für sie hast.“ „Hmmm, du hast Recht, da war ja was, ich hatte das irgendwie schon wieder verdrängt.“ Erschrocken legte Frank seine Gabel weg. „Keine Angst, ich mache das schon, ich habs ja versprochen, ich hatte es nur schon fast wieder vergessen. Sie kann gern am Wochenende zu mir kommen, beim ersten Mal bin ich froh, wenn ich mir etwas mehr Zeit nehmen kann.“ Erleichtert atmete Frank auf. „Erzähl mir mal ein bisschen über sie, ich kenne ja nichteinmal ihren Namen.“ Entspannt lehnte Glenda sich zurück und sah Frank auffordernd an. „Naja..Elly ist eine normale Achtzehnjährige die sich auf ihr Studium freut, vielleicht ein wenig verwöhnt weil ihre Eltern Geld haben.“ Er bemerkte wie sich auf Glendas Stirn kurz einige Falten zeigten. „Trotzdem haben sie und ihr Bruder nie alles einfach so bekommen, sonst hätte sie den Schein schon längst. Sie war auf jeden Fall sehr froh, dass du dir die Zeit nimmst. Ich glaube sie ist froh eine Frau als Lehrerin zu haben.“ Frank lächelte. „Ich glaube du wirst sie mögen.“ „Ich werde sie schon durch die Prüfung bringen, schlimmstenfalls lernt sie dabei ordentlich zu fluchen.“ Glendas Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „Sag ihr sie soll nach dem Frühstück da sein.“

Gleich am nächsten Tag machte sie sich nach der Arbeit auf die Suche nach Nathan. Sie war sich sicher, dass ihr ehemaliger Ausbilder mehr über die Prüfungen wusste als sie, schließlich war ihre eigene schon viele Jahre her. Da sie nicht genau wusste, wo er wohnte, machte sie sich auf den Weg zum Anleger der Hafenbarkassen, in der Hoffnung ihn dort zu finden.
„Hey Sie! Sie können hier nicht einfach anlegen!“ Die Stimme kam von einer der Barkassen und kurz darauf erschien ein Mann an Deck der sie mit zusammengekniffenen Augen musterte. „Vielen Dank für die nette Begrüßung. Ich bin auf der Suche nach Nathan Pashley, wissen Sie wo er zu finden ist?“ Eine Hand locker in der Hosentasche schlenderte sie den Steg entlang. „Keine Sorge ich will hier nicht lange bleiben, nur einen Moment mit ihm reden.“ Das Gesicht des Mannes entspannte sich. „Achso, er ist noch unterwegs aber müsste bald zurück sein. Was wollen sie von ihm?“ „Ich will ihn nur ein paar Dinge fragen. Es stört doch nicht, wenn ich so lange hier warte.“ Fragen sah sie ihn an. „Den Platz brauchen wir wenn bald alle zurückkommen, am besten sie kommen bei mir längsseits ran, das stört keinen.“
Lange musste Glenda nicht warten, offensichtlich hatte Nathan bereits erfahren, dass sie hier war, denn er kam direkt zu ihr an Bord. „Vorsicht die..“ Weiter kam sie nicht, Nathan hatte sich bereits gebückt. „Ich wollte dich gerade warnen, Frank stößt sich jedes mal den Kopf. Magst du etwas trinken?“ „Nur keine Umstände, ich habe ohnehin nicht lange Zeit, also verrate mir am besten gleich worum es geht.“ Er ließ sich einfach direkt auf der Türschwelle nieder und hörte Glenda aufmerksam zu. „Du wirst dich wundern, wie wenig in dieser Prüfung wirklich verlangt wird, ein paar Manöver in ruhigem Wasser, das wars dann auch. Manche Prüfer testen Frauen gern ein bisschen mehr, also sorg dafür dass sie bei dem was Pflicht ist absolut sicher ist.“ Glenda nickte. „Das leidige Thema Männerdomäne, damit werde ich mich wohl auch noch mein Leben lang herumschlagen müssen.“ „Bisher mit Erfolg, ich erinnere mich, dass du damals die meisten männlichen Mitbewerber bei den Patentprüfungen hast alt aussehen lassen.“ Nathan schmunzelte. „Stellst du ihr auch dein Boot für die Prüfung?“ „Natürlich, alles andere würde es ihr nicht leichter machen.“ Nachdenklich nickte Nathan und Glenda sah ihn erwartungsvoll an. „Was ist?“ „Hmm, hast du irgendwas drin mit dem du bei ihr die Leistung drosseln kannst?“ Ungläubig sah Glenda ihr Gegenüber an. „Wozu das denn bitte?“ „Nicht für dich, für die Prüfung. Die Prüfer testen bei Frauen gern mal was sie sich trauen. Dann erwarten sie irgendwelche Manöver aus voller Kraft und wenn ich richtig schätze ist das bei dir dann nicht gerade langsam.“ Fragend sah er sie an. „Reicht ja, wenn du es nur für die Prüfung machst. Oder du sorgst dafür, dass deine Schülerin auch das einfach kann.“ „Ich denk drüber nach. Danke Nathan. Hast du noch etwas zu tun? Wenn du willst fahre ich dich nach Hause.“ „Gern, ich hole schnell meine Sachen.“
„Darf ich mal?“ Sie waren schon eine Weile unterwegs als Nathan neben sie trat. „Ich würde gern mal meine These überprüfen.“ Sein Grinsen reichte beinahe von einem Ohr zum anderen. „Welche denn?“ Einladend trat sie zurück und überließ ihm das Steuer. „Die, dass man für dein Mädchen eigentlich einen Waffenschein bräuchte.“ Er unterdrückte ein Lachen. Glenda antwortete mit einem belustigten Grunzen. „Sie ist ein Verdränger, was erwartest du? Aber bitte, probier es aus.“ Nathan ließ sich das nicht zweimal sagen. Glenda ging an Deck und genoss den Wind, das Rauschen des Wassers am Rumpf und den Geruch der See, der hier zwar von den Gerüchen des Hafens überlagert aber trotzdem unverkennbar war. Sie schloss die Augen, spürte wie die Syra dahinglitt und langsam schneller wurde. Nach einer Weile erhob sie sich und kehrte zu Nathan am Steuer zurück. „Na zufrieden?“ Er nickte. „Genau wie ich gedacht habe, Nicht annähernd volle Kraft und sie läuft Rumpfgeschwindigkeit.“ „Ja, und das mit voller Kraft auch noch gegen Wind und Wellen.“ Nathan bemerkte den Stolz in ihrem Blick und da war noch etwas, das er nicht deuten konnte. Einen Moment überlegte er, sie danach zu fragen, entschied sich jedoch dagegen, er kannte sie einfach zu wenig. Aufmerksam beobachtete er sie, als sie das Ruder von ihm übernahm. Sie strahlte noch immer die selbe Ruhe und Sicherheit aus wie damals und ihn ihm reifte die Idee sie noch einmal zu testen, so wie früher. „ Aufstoppen, querab zur Tonne, jetzt!“ Gab er Kommando als sie sich fast auf Höhe der Fahrwassermarkierung befanden. Er hatte damit gerechnet, dass Glenda ihn verwirrt ansehen oder einfach ignorieren würde, stattdessen reagierte sie sofort und schickte die Syra volle Kraft zurück. „Und jetzt sag mir, wie lange brauchst du, um deiner Schülerin das beizubringen?“ „Das sage ich dir, wenn ich sie gesehen habe. Aber wahrscheinlich hast du recht und ich mache es ihr leichter. Ich werde mal Duncan fragen, der hat bestimmt eine Idee. Danke für deine Hilfe.“
„Danke fürs Heimfahren, hat Spaß gemacht. Und sag Bescheid, wenn du mich mal brauchst.“ Kurz ruhte Nathans Hand auf ihrer Schulter, dann war er auch schon auf den Steg gesprungen.

_________________
Bild

Bild
©Fotos:scheidecker.com/Design:Carpedi(August´13)


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Re: Hoffnungshorizont - Eine etwas andere Geschichte
Verfasst: Di 3. Mai 2016, 22:49
Benutzeravatar
Offline

Profil
Hi,
Ich finde die Geschichte klasse. Und hoffe es gibt bald wieder einen Teil zu lesen.
Wollte das nur mal kurz sagen. Echt großes Lob.

Lg Ronja2015 ♥

_________________
Wenn der Mensch es geschafft hat, eine große Eroberung zu machen, dann ist es die, das er sich das Pferd zum Freund gewonnen hat.


Mit Zitat antworten   Diesen Beitrag melden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 145 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1 ... 10, 11, 12, 13, 14, 15  Nächste


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: .katma. und 3 Gäste


Du darfst neue Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu: